Dienstag, 7. April 2015

0143-Weltgesundheitstag-WHO: 200 Krankheiten durch unsichere Lebensmittel verursacht

http://derstandard.at/2000013949913/WHO-200-Krankheiten-durch-unsichere-Lebensmittel-bedingt

WHO: 200 Krankheiten durch unsichere Lebensmittel verursacht
7. April 2015, 12:54
Laut WHO töten Durchfallerkrankungen durch verunreinigtes Wasser und kontaminierte Lebensmittel pro Jahr zwei Millionen Menschen

Das rohe Ei im Tiramisu wird nicht selten mit Salmonellen assoziiert.
foto: apa/dpa/arno burgi
Das rohe Ei im Tiramisu wird nicht selten mit Salmonellen assoziiert.

Wien/Genf - Thema des diesjährigen Weltgesundheitstages der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der am 7. April stattfindet, ist die Lebensmittelsicherheit.
Auch in westlichen Industriestaaten - den reichsten Ländern der Erde - kommt es immer wieder zu Ausbrüchen von Lebensmittel-bedingten Krankheiten. Der Pharmakologie Detlev Ganten sieht darin aber eine geringere Gefahr als in den sogenannten nicht-übertragbaren Krankheiten durch ungesunde Ernährung: "Unsere tägliche Nahrungsaufnahme ist viel zu oft von Industrienahrung geprägt, die aus zu viel Fett, Zucker und Salz besteht und damit zu chronischen Krankheiten führt. Diese werden zunächst gar nicht als Krankheiten erkannt und führen auch nicht gleich zum Tod. In breiten Bevölkerungskreisen haben sie aber erhebliche Folgen wie Übergewicht, Blutzucker, Herzkreislauferkrankungen und muskuloskelettale Erkrankungen", sagt der Experte.
Verschmutztes Wasser und kontaminierte Nahrung
"Unsichere Lebensmittel, die gefährliche Bakterien, Viren, Parasiten oder chemische Substanzen enthalten, sind für mehr als 200 Krankheiten verantwortlich - das reicht von Durchfall bis zu Krebs. Allein Durchfallerkrankungen im Zusammenhang mit Nahrungsmittel und Wasser töten pro Jahr geschätzte zwei Millionen Menschen. Viele Kinder sind darunter", heißt es von Seiten der WHO.
Direkt mit Lebensmitteln übertragbare Krankheiten, Mangel- und falsche Ernährung sowie mit Krankheitserregern oder Chemikalien kontaminiertes Wasser schaffen vor allem in den armen Ländern der Erde eine komplexe Situation, die schwer zurückzudrängen ist. Aus den verschiedenen Faktoren entwickelt sich ein Teufelskreis, der auch die Entwicklung der betroffenen Staaten entscheidend behindert.
Die wichtigsten Risikofaktoren: Bei den Bakterien sind das Salmonellen, Campylobacter und Escherichia coli. Dabei handelt es sich um klassische Erreger von Durchfallerkrankungen, die etwa durch den Verzehr von Eiern, Geflügel, Fleisch oder Wurstwaren ausgelöst werden können. E. coli findet man auch in frischem Gemüse beziehungsweise auf Obst.
Auf die Konsumenten kommt es an
Listerien sind besonders für Schwangere, Babys und ältere Menschen gefährlich. Oft tauchen sie in nicht pasteurisierten Milchprodukten auf. Cholera-Bakterien werden vor allem über kontaminiertes Trinkwasser aufgenommen. Rohe Meeresfrüchte oder nicht genügend erhitzte Lebensmittel sind häufig für Norovirus-Ausbrüche verantwortlich, die binnen kurzer Zeit viele Menschen betreffen können (z.B. auf Passagierschiffen, in Schulen, Kindergärten etc.). Vor allem in tropischen Ländern werden auch Parasiten über Lebensmittel übertragen.
Bei den schädlichen Chemikalien stehen natürlich vorkommende Toxine wie Mycotoxine (Aflatoxin/Ochratoxin - Schimmelpilze) im Vordergrund, ebenso Biphenyle und Dioxine. Schließlich können auch Schwermetallbelastungen (Blei, Cadmium und Quecksilber) schwere gesundheitliche Probleme auslösen.
Die WHO fordert die Staaten der Welt auf, die Lebensmittelsicherheit zu einer Priorität im öffentlichen Gesundheitswesen zu machen. Ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen der Konsumenten greifen aber viele Maßnahmen zu kurz, weil Hygiene im Haushalt ein wichtiger Bestandteil der Sicherheitskette ist. Allein schon Händehygiene, das Trennen von frischen und gekochten Lebensmitteln und hohe Kochtemperaturen könnten laut WHO einen nicht unbeträchtlichen Teil der Probleme verhindern helfen. (APA/red, derStandard.at, 7.4.2015)
Zum Thema:
EU: Weniger Salmonellen, mehr Listerien in Lebensmitteln


Die riskante Komplexität der Lebensmittelkette
1. April 2015, 10:24
Die WHO appelliert an die Politik, ausreichende Systeme und Infrastrukturen für die Lebensmittelsicherheit aufzubauen und aufrechtzuerhalten
Kopenhagen - "Unsere Lebensmittelkette ist heute länger und komplexer als je zuvor. Zudem haben demografische, kulturelle, ökonomische und umweltrelevante Entwicklungen - wie die Globalisierung von Handel, Reiseverkehr und Migrationsströmen, die Bevölkerungsalterung, sich verändernde Konsummuster und -gewohnheiten, neue Technologien, Notlagen, der Klimawandel und extreme Wetterereignisse - eine Erhöhung der lebensmittelbedingten Gesundheitsrisiken zur Folge", meinen Experten aus dem Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kopenhagen.
Die Tatsache, dass man unterschätze, wie viele Menschen aufgrund von Chemikalien in der Lebensmittelkette sowie durch weitverbreitete Mikroorganismen wie Salmonellen und Campylobacter erkrankten, sollte an vielen Stellen, die in der Lebensmittelkette tätig sind, die Alarmglocken läuten lassen. "Ein Fehler in der Lebensmittelsicherheit in auch nur einem Glied dieser Kette - von der Umwelt über Primärproduktion, Verarbeitung, Transport, Handel und Gastronomie bis zum Konsum zuhause - kann erhebliche gesundheitliche und ökonomische Auswirkungen haben," betont Zsuzsanna Jakab, die WHO-Regionaldirektorin für Europa.
Probleme sind multifaktoriell
Die Überwachungs- und Meldesysteme in der Europäischen Region der WHO sind begrenzt und könnten nur einen Bruchteil der Fälle aufdecken. In Ländern mit weniger fortgeschrittenen Laborkapazitäten und weniger entwickelten Surveillance-Systemen sei die Dunkelziffer besonders hoch. Für eine wirksame Antwort auf solche Gefahren sind bessere Daten erforderlich, so die WHO.
Die Probleme im Bereich der Lebensmittelsicherheit seien durch vielfältige Faktoren bedingt. So gebe es aufgrund der Nachfrage der Verbraucher einen verbesserten Zugang zu einem breiteren Angebot an Lebensmitteln, die außerhalb der normalen Saison produziert, über Kontinente hinweg transportiert, verarbeitet und außerhalb des Haushalts konsumiert werden.
Nach Zahlen aus dem Welthandelsbericht 2014 betrug die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate im Agrarhandel zwischen 1950 und 2010 etwa vier Prozent und lag damit über der jährlichen Zuwachsrate in der weltweiten Landwirtschaftsproduktion mit im Durchschnitt zwei Prozent.
Risiken entlang der gesamten Versorgungskette
Eine Verseuchung aus einer einzigen Quelle kann sich ausbreiten und beträchtliche gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen nach sich ziehen: So kam es beispielsweise 2011 bei einem Ausbruch enterohämorrhagischer Escherichia coli (EHEC) in Deutschland und Frankreich, der mit verseuchten Bockshornklee-Sprossen in Verbindung gebracht wurde, zu knapp 4.000 Fällen von EHEC-Infektion in 16 Ländern, darunter mehr als 900 Fälle des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS), von denen 55 tödlich endeten. Die Verluste für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie beliefen sich laut WHO auf geschätzte 1,3 Milliarden US-Dollar (1,20 Milliarden Euro).
Die WHO appelliert an die Politik, ausreichende Systeme und Infrastrukturen für Lebensmittelsicherheit aufzubauen und aufrechtzuerhalten, einschließlich der erforderlichen Laborkapazitäten, Surveillance- und Meldesysteme. Darüber hinaus sollten die Risiken entlang der gesamten Versorgungskette beobachtet und beherrscht werden. Schließlich sollte es zu einer übergreifenden Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Bevölkerungsgesundheit, Tiergesundheit und Landwirtschaft kommen, fordern die Experten. (APA, derStandard.at, 1.4.2015)
Originalpublikation:
Fact sheet on food safety


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